
Letzte Woche bekamen wir nicht (wie sonst jeweils) nur den Bericht der Sprechstunde zugeschickt, sondern wurden noch einmal in die Uniklinik Basel aufgeboten. Der Professor würde gerne einen weiteren Knie-Spezialisten beiziehen und auch der Sprechstundentermin für die Hyperbare Oxygenation hat er bereits angeordnet.
Der Coronavirus. Bei der ersten Sprechstunde vor rund drei Wochen war in der Schweiz noch nicht viel davon zu spüren, normaler Alltag eben.
Heute jedoch steht eine uniformierte Aufsichtsperson mit Mundschutz vor dem Eingang der Klinik und hält uns freundlich aber bestimmt auf.
"Müssen Sie in die Uniklinik?"
"Wir haben einen Termin bei der Orthopädie..."
"Dann dürfen Sie hinein, jedoch nur die Patientin mit noch einem Begleiter/ Begleiterin. Das sind die neuen Anweisungen betreffend Corona-Virus. Ich danke Ihnen für das Verständnis."
Verständnis haben wir ja schon - und der Sicherheitsmann kann ja nichts dafür an dieser ganzen Virusgeschichte - aber Padi hat heute extra frei genommen, um mitzuhören, was die Ärzte meinen...
Diese neuerlichen Anweisungen seien erst seit heute Morgen, täglich könne sich dies ändern, sagt er fast schon entschuldigend.
Nun gut, ich gehe mit Malin in die Klinik, Padi macht derweil einen Spaziergang durch Basel.
Heute tragen ausnahmslos alle in der Klinik Mundschutz, ob Sekretärin, Reinigungskraft oder Arzt - alle. Auch Malin hat vorsichtshalber einen dabei. Der aufgebotene Kniespezialist nimmt sich Zeit, lässt nochmals Malins Knie röntgen und erklärt uns die Bilder. An gewissen Stellen ist der Knochen bereits eingebrochen. Eine Erklärung, weshalb sie manchmal diese schmerzhaften Blockaden hat. Das Kniegelenk bleibt an den unebenen, eingebrochenen Stellen einfach "hängen" und blockiert.
Die beiden Ärzte beschönigen nichts. Prothesen werden irgendwann ein Thema sein. Unausweichlich. Aber man möchte versuchen, dieses "Irgendwann" möglichst lange heraus zu zögern, denn Malin ist noch im Wachstum und ausserdem einfach so jung dafür.
Mit alternativen Therapien wie der hyperbaren Sauerstofftherapie sowie mit Bisphosphonaten. Sie hätten bisher viele gute Erfahrungen gemacht und in Basel sei ihnen kein einziger Fall mit Kiefernekrosen als Nebenwirkung bekannt.
Nun gut. Malin will es versuchen. Gesund wird der Knochen nicht mehr, aber das Gewebe rund um die Nekrosen wird sich hoffentlich teilweise regenerieren können. Erklärtes Ziel: Möglichst schmerzfrei und ohne Stöcke gehen. Die Schmerzen lindern, damit die starken Medikamente abgesetzt werden können. Für mehr wird es nicht reichen. Aber immerhin.
Sie werden alles Nötige in die Wege leiten, versprechen die beiden äusserst empathischen Ärzte.
Heute verlassen wir die Klinik mit einem guten Gefühl, obwohl sich die Situation nicht wirklich positiv verändert hat. Aber die Fachärzte nahmen sich Zeit und suchten nach neuen Ansätzen.
Etwa 10 Minuten Autofahrt entfernt liegt die Praxis für die hyperbare Sauerstofftherapie. Der Arzt erklärt uns mit Hilfe von Diagrammen wie die Therapie funktioniert und fügt an, 40 mal müsste Malin für jeweils zwei Stunden in die Druckkammer. Möglichst täglich - während 40 Tagen...!
Die Therapie wird nur in Basel oder in der Uniklinik Genf durchgeführt...
"De chan ich ja grad wieder es Jahr Schuel repetierä…" ruft Malin frustriert aus.
In der Tat ist das gar nicht so einfach zu organisieren. Vielleicht in den Sommerferien....? Anstatt in die Berge oder an den See in die Druckkammer...
Ein Test wird gemacht und Malin wird dafür in besagte Überdruckkammer geführt. Der Arzt schaut ihr immer wieder in die Ohren, ob sie auch sicher den nötigen Druckausgleich machen kann. Alles gut, sie kann. Die Voraussetzungen sind somit erfüllt. Und der Arzt erzählt von einem jungen Mädchen, welches immer wiederkehrende Schmerzen in den Beinen hatte. Nach der Therapie waren diese Schmerzen fast ganz weg. Das lässt uns hoffen. Zuerst muss allerdings noch die erste Hürde genommen werden: Eine Kostengutsprache der Krankenkasse. Er würde grad selber ein Schreiben dafür aufsetzen, bietet er an. Bin froh.
Vorerst, sagt er, werde die Praxis allerdings bis auf weiteres geschlossen. Die Ansteckungsgefahr des Coronavirus in der Druckkammer sei zu gross - heute sei die Kammer das letzte mal in Betrieb...
Auf dem Heimweg hören wir im Autoradio den Bundesratsentscheid bezüglich Coronavirus: Alle Schulen werden geschlossen. sämtliche Grossanlässe, Konzerte, Sportwettkämpfe... abgesagt, alle Skigebiete geschlossen. Man sollte die ÖV nach Möglichkeit nicht mehr nutzen und Abstand zueinander halten. Drastische Massnahmen, die so wohl nötig sind, um die rasante Ausbreitung des Virus zu hemmen. Dieses kennt keine Grenzen. Die Welt im Ausnahmezustand. Still gelegt.
Weder Tragweite noch Ende sind absehbar. Ein eigenartiges Gefühl.